Ein Schwaben-Krimi mit Rezepten von #UlrichLand. Also, ich habe in der Schule wohl nicht so viel über frühere spannende Menschen gelernt, so auch nichts über Johann Christian Friedrich Hölderlin (1748–1843). Ich habe wohl in meiner Schulzeit auch nur zwei Reclam-Bücher gelesen, ok, ich war ja auch dreimal die Woche am Kunstturnen und einmal im Klavierunterricht. Da blieb nicht viel Zeit für wohlklingende Schreiberlinge und deren Gedichte.

 

Die Geschichte spielt in Tübingen (1807), wo Hölderlin die letzten 37 Jahre seines Lebens im Turmzimmer oberhalb des Neckars (Hölderlinturm) verbrachte. Wohin er zur Pflege in den Haushalt Ernst Zimmers, eines Tübinger Tischlers und Bewunderers des Hyperion, nach dem Autenrieth-Aufenthalt, als „unheilbar“ und mit der Aussicht auf nur wenige weitere Lebensjahre, hingeschickt wurde. Wir werden als Leserinnen und Leser in den Turm und Tübingen geschickt, erhalten einen skurrilen Einblick in die Korrespondenz zwischen Hölderlin und seiner Mutter, Ulrich Land erklärt uns warum er gerade über Hölderlin schreibt, aus dem hier und jetzt erleben wir einen möglichen Krimi. Ja, es gibt viele brutale Morde (gab es noch nie in Tübingen) – daran ist doch der Irre im Turm Schuld. Die Leserschaft versteht schnell, dass es tatsächlich was mit ihm zu tun hat – aber was? Ok, ein Drucker, ein Verleger, ein Banker und ach warum nur ein Schlosserlehrling. Die Ermittlungen sind nicht wirklich einfach, zumal der Richter dem Gendarm – standeshalber – nicht wirklich viel zutraut, vor allem aber nicht Recht geben kann und darf. Der Wahnsinn Hölderlins wird einem schmerzvoll unterbreitet und doch frag ich mich manchmal – war der denn wirklich so irr – oder war es das vom Freund Sinclair vermutete Spiel „Friedrich“: so hab ich meine Ruhe und kann machen was ich will – schreiben, was wohl im Turm auch nicht mehr so doll ging. Also ich muss nun mehr über Hölderlin wissen, das Buch war Raz-Faz gelesen und hat mir sehr gut gefallen. Was damals mit Menschen so alles passierte, macht einem glücklich im hier und jetzt zu leben. Nicht wie Hölderlin, eingewiesen in eine Psychi, abscheuliche Behandlungen erlebt und vielleicht hatte er ja nur epileptische Anfälle. 

Hier ein Gedicht aus der Turmzeit – 1811 – der gute Mann war sichtlich sehr melancholisch unterwegs. 

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! Verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne! *

*Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Bremer Ausgabe, hrsg. von D. E. Sattler, Bd. 12. München 2004, S. 41.

#InTheGrid gibt „Hölderlins Filmriss“ von Ulrich Land 4.5 von 5 Punkten, OktoberVerlag (Reihe: Mord und Nachschlag 32)

Zum Autor

#Ulrich Land, geboren 1956 in Köln, lebt als freier Schriftsteller in Freiburg. Er schreibt Lyrik, Erzählungen, Essays und hat inzwischen annähernd 40 Hörspiele und mehr als 60 Funkfeatures für verschiedene ARD-Sender verfasst. Seine Radiosendungen wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2005 ist er Dozent für »creative writing« unter anderem an der Universität Witten/Herdecke. »Der Letzte macht das Licht aus« ist sein Debütroman, danach folgten fünf weitere Krimis in unserer Reihe »Mord und Nachschlag«. Siehe auch www.ulrichland.de